…und plötzlich klopft es aus dem Motor

Kolben

Die Mitarbeiter der Nachtschicht glaubten ihren Ohren nicht recht zu trauen. Hört sich da irgendetwas anders an? Ein Scheppern oder Klopfen?? Jedenfalls ist da ein Geräusch aus dem Motorraum zu hören, welches da nicht so wirklich hingehört.

Irgendwann abends am 03.04.2018 wurde von einem Nachtdienstmitarbeiter der KOM 0621 zum Fahrfertigmachen in die Wartungshalle gefahren. Hier werden die Busse auf eventuelle Schäden hin überprüft und gereinigt. Vom Fahrerplatz aus war alles wie immer … man hörte den Motor leise brummen, die Gebläse der Heizung und das Klickern der Entwerter, die gerade dabei waren sich neu zu justieren.

Der zweite Nachtschichtler, der gerade dabei war nach draußen zu gehen, um einen anderen Bus in die Wartung zu fahren, hörte beim Vorbeigehen am Motor des KOM 0621 ein Geräusch, welches dort wohl nicht ganz hingehörte. Die erste Vermutung war ein defekter Kompressor. Der ist für die Druckluftversorgung der Bremse und den Nebenverbrauchern zuständig. Und da bei den Kompressoren oftmals die Ventilplatten aus Altersgründen an ihre Grenzen kommen, war es das Einfachste, hier erstmal nach dem Rechten zu schauen.

Aber Fehlanzeige. Das Problem war in diesem Falle ein anderes. Es wurde ein Motorschaden diagnostiziert und das Fahrzeug musste in die Werkstatt gefahren werden, wo es über Nacht stehen blieb und dem Fahrdienst am nächsten Morgen nicht mehr zur Verfügung stand.

Pleuelstangen und Kipphebel

Am nächsten Morgen bekam ein anderer Mechatroniker den Auftrag, den Motor auf einen Lagerschaden hin zu überprüfen. Hierzu mussten die Kipphebel und die Zylinderköpfe demontiert werden.

Zylinderköpfe

Nachdem alles abgebaut war, konnte man am sechsten Zylinder ein deutlich zu großes Spiel zwischen Kolben und Pleuel feststellen. Nun musste auch noch die Ölwanne demontiert werden, um das Pleuel von der Kurbelwelle zu trennen.

Ölwanne
Kurbelwelle

Anschließend konnte der Kolben samt Pleuel aus dem Zylinder gezogen werden. Hier stellte der Mitarbeiter auch sofort fest, was passiert war. Die Lagerschalen haben sich aufgerieben und sind in Einzelteile zerbrochen. Diese fanden sich übrigens im Motoröl wieder, welches vor der Montage der Ölwanne abgelassen wurde. Worauf dieser Schaden übrigens zurückzuführen ist, blieb unklar. An einem zu geringen Öldruck hat es jedenfalls nicht gelegen.

Zylinder 6 ohne Kolben

Durch die Tatsache, dass der Kolben nicht mehr ordentlich geführt werden konnte, haben sich die Schläge zwischen Pleuelstange und Kolben negativ auf das Kolbenbolzenauge ausgewirkt. Hier war eindeutig ein Riss zu erkennen.

Riss im Kolben

Kolben und Pleuellager sowie ein ganzes Sortiment an Dichtungen wurden erneuert. Nach Fertigstellung der Arbeit und das Auffüllen von 30 Liter frischen Motoröls, konnte der Motor gestartet werden …. das ist jedes Mal ein spannender Moment ;).

Aber alles ging gut. Wir haben den Motor warm laufen lassen, den Kühlmittelstand kontrolliert und anschließend den Bus wieder dem Fahrdienst zur Verfügung gestellt. Eines kann gesagt werden: Wäre der Schaden an diesem Abend nicht aufgefallen, hätte der Motor den nächsten Tag nicht überlebt. Es wäre zu einem kapitalen Motorschaden gekommen.

Ach ja … für die Interessierten unter Euch …. es gibt die Möglichkeit, die mittlere Kolbengeschwindigkeit in m/s zu errechnen. Diese sagt aus, wieviel Meter der Kolben in einer Sekunde zurücklegt. Wenn wir davon ausgehen, dass unser Kolben einen Hub von ca. 15 cm hat und der Motor eine Drehzahl von 2000 U/min macht, dann legt der Kolben ca. 10 Meter pro Sekunde zurück. Oder wenn man es mit einem 100 m Lauf vergleicht: 10 Sek. für 100 Meter.

Nur mit dem Unterschied, dass der 100 m Läufer nicht alle 15 cm eins auf dem Kopf bekommt und mit Temperaturen um die 2000 Grad zu kämpfen hat 😉

Jens Wefer

Ein Gedanke zu „…und plötzlich klopft es aus dem Motor“

  1. Sehr geehrter Herr Wefer,

    auch wenn ich in Sachen Mechatronik nicht so informiert bin, hat mir der Artikel sehr viel Spaß bereitet. Ich war sehr interessiert und habe kaum gemerkt, wie tief ich im Fokus war beim Lesen. Also ein gutes Zeichen würde ich sagen. Und das wollte ich einfach mal hier im Kommentarbereich von mir geben. Super!

    Das Tolle an solchen handwerklichen Arbeiten sag ich mal ist die Tatsache, dass man wirklich anpackt und mit seinen eigenen Händen was erschafft bzw repariert. Ich arbeite seit der Lehre in einem handwerklichen Beruf und könnte auch nicht anders. So ein Bürojob wäre ja gar nichts für mich. Ich liebe es zu schrauben, drehen, fräsen und und und. Das ist meine Bestimmung. Was wäre ich ohne meine Arbeitsjacke? Was wäre ich ohne Schmieröl an den Händen? Es ist genau die Arbeit, die mich erfüllt und glücklich macht. Und diese Art von Arbeit will ich ungern umtauschen.

    Vielleicht war ich auch deshalb vom Artikel so interessiert! Auf jeden Fall vielen Dank und ein schönen Sonntag.

    Bei dem Wetter heute, gehe ich auf jeden Fall noch raus und mach einen großen Spaziergang – meine Frau nehme ich auch gleich mit.

    Viele Grüße!

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